Geboren am 09.08.1992, verstorben am 08.03.2001

Osteosarkom bei Anka

Es war im Herbst des Jahres 2000, als die Arthrosebehandlung bei meiner Landseerhündin Anka nicht mehr den gewohnten Erfolg zeigte. Selbst Kortisonspritzen direkt ins Ellenbogengelenk blieben wirkungslos. Obwohl schon -zigmal geröntgt, haben wir nochmal neue Bilder anfertigen lassen. Bei der Auswertung und Besprechung dieser Bilder fiel zum ersten Mal das Wort 'Osteosarkom' und noch heute - viele Jahre später - weiß ich, wie ich mich damals fühlte: es zog mir den Boden unter den Füßen weg und ich hoffte, dass ich bald aus diesem schlimmen Traum aufwachen möge…

Dieser Wunsch sollte unerfüllt bleiben. Eine Knochenbiopsie brachte Gewissheit: ein außerordentlich bösartiger Knochentumor hatte den linken Oberarmknochen meiner Hündin befallen.

Ein paar Tage später - als ich wieder in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen - haben wir die Alternativen mit unserem Tierarzt durchgesprochen: Amputation oder Einschläfern. Vor einer palliativen Schmerztherapie ohne Operation wurden wir ausdrücklich gewarnt: die Gefahr, dass der befallene Knochen bricht, steige von Tag zu Tag und dieses Erlebnis sollten wir unserem Hund ersparen. Und schließlich war da auch noch Arko, Ankas Bruder, der seine 80 kg Lebendgewicht schon manchmal ein wenig rüpelhaft gegen Anka einsetzte.

Wir hatten uns schweren Herzens entschieden, Anka einschläfern zu lassen, wollten uns aber noch ein Wochenende mit ihr gönnen, um in Ruhe Abschied nehmen zu können. Diese Stunden, diese Zweifel, das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Anka bekam inzwischen großzügig Schmerzmittel und war verdammt gut drauf. So, als wollte sie uns mitteilen, dass sie noch gar nicht daran denke, aufzugeben.

Am folgenden Montag haben wir dann nochmals unseren Tierarzt aufgesucht, um uns alles rund um eine Amputation erklären zu lassen. Schlussendlich haben wir dann die Entscheidung dafür getroffen, unter der Prämisse, dass es ihre letzte Chance ist und - falls sie damit nicht zurecht kommt - die andere Alternative ja immer noch im Raum steht.

Mein Tierarzt hat sofort den ganzen OP-Plan umgeschmissen, andere, nicht dringende Operationen verschoben, und uns für den nächsten Tag eingetragen. Ich hatte also gar nicht mehr viel Zeit um nachzudenken. Den Nachmittag verbrachte ich damit, eine Art Trage für Anka zu nähen, falls sie nicht sofort mit ihren drei Beinen zurecht käme. Ich nahm ein normales Handtuch und nähte an die Schmalseiten Tragegriffe. So konnten wir das Handtuch unter Ankas Bauch durchziehen und auf jeder Seite konnte eine Person unterstützend zugreifen.

Am nächsten Morgen nahm ich eine ordentliche Portion Baldrian, anders hätte ich diesen Tag nicht überstanden. Als Anka da auf dem OP-Tisch lag, wäre es mir leichter gefallen, sie nicht mehr aufwachen zu lassen, als der Gedanke, sie ein paar Stunden später mit nur noch drei Beinen wieder in die Arme schließen zu können.

Die Operation dauerte lange, ich hatte die ganze Zeit aber im Bereich der Tierklinik verbracht, um sofort ansprechbar zu sein, falls sich irgendwelche Komplikationen ergäben. Um die Mittagszeit wurde Anka dann in den Aufwachraum gebracht und ich konnte dabei sein, als sie langsam wieder zu sich kam. Der Schnitt war riesig, bestimmt 30 cm lang.

Ich habe dann den restlichen Tag bis zum Ende der Abendsprechstunde mit Anka im Aufwachraum verbracht. Schließlich wollten wir sichergehen, dass sie nicht durch eine unkontrollierte Bewegung evtl. stürzt und noch schlimmeres passiert. Für den Weg aus der Praxis nutzten wir die nagelneue 'Handtuchtrage' und zu unserem Erstaunen hat Anka sogar die Treppenstufe gut bewältigt.

Zuhause angekommen, wählten wir den Weg über den Garten und die Terrasse, da waren weniger Stufen zu überwinden, als über die Haustreppe. Anka spielte ein wenig den 'Esel' und wollte nicht so recht laufen. Erst, als wir das Handtuch nur noch ganz locker hielten, so dass sie es nicht mehr spürte, marschierte sie auf ihren drei Beinen ins Haus, als wäre nie was gewesen und noch am selben Abend ging sie ohne jegliche Hilfe in den Garten um sich zu lösen.

Von diesem Zeitpunkt an blieb Anka alleine zuhause, wenn ich meine Runden mit Arko drehte. Meine Angst, dass er sie einfach über den Haufen rennen könnte, war einfach zu groß. Anka hat die Spaziergänge sicher nicht vermisst, sie war eher ein Hund vom Typus 'Stubenhocker'. Auch wenn ich Einkaufen oder ins Büro fuhr, habe ich Arko mitgenommen, damit er ja keinen Schaden anrichtet. Alleine - da war ich mir sicher - würde Anka sich kaum von der Stelle rühren. Aber zu zweit sind den beiden alle möglichen Dummheiten eingefallen. Als Nebeneffekt habe ich Arko daran gewöhnt, mit mir alleine etwas zu unternehmen - ohne seine Schwester.

Die OP-Wunde heilte schnell und gut und täglich konnte ich ein paar der Fäden ziehen. Anka schien auch keinen großen Wundschmerz zu haben, denn sie hatte während der ganzen postoperativen Phase einen gesegneten Appetit. Das war bei meinem Sensibelchen nicht selbstverständlich. In den ersten Tagen nach der OP bekam sie großzügig Schmerzmittel, deren Dosis dann nach und nach verringert wurde. Das war auch eine Bedingung, die ich gestellt hatte: mein Hund sollte nicht groß Schmerzen erleiden müssen.

Ein paar Tage nach der OP habe ich mit meinem Tierheilpraktiker (der auch Tierarzt ist) Kontakt aufgenommen. Ich wünschte mir eine Anschlussbehandlung, die sanft und gut verträglich war. Das, was ich Anka zumuten wollte, war ausgeschöpft. Mein Tierheilpraktiker teilte mir dann mit, dass beim Osteosarkom ein Behandlungsversuch seinerseits unseriös wäre. Dieser Tumor wäre so aggressiv, dass man ihm - wenn überhaupt - nur mit einer aggressiven Therapie begegnen könnte. Er riet mir, doch mit Prof. Hirschberger in der Uni München Kontakt aufzunehmen. Er wäre einer der führenden Onkologen in Deutschland und hätte viel Erfahrung in Sachen 'Chemotherapie'. Ein paar Tage später hatten wir schon einen Termin.

Prof. Hirschberger klärte mich in einem sehr ausführlichen Gespräch über alle Wirkungen und Nebenwirkungen der Chemotherapie auf. Ich hatte größte Bedenken, die er mir aber schnell nahm. Würde Anka die Chemo nicht vertragen, dann könnten wir sofort abbrechen, andererseits würde das Medikament aber nicht so hoch dosiert wie in der Humanmedizin, so dass mit heftigen Nebenwirkungen nicht zu rechnen wäre. Eine Heilung könne man beim Osteosarkom nicht herbeiführen, aber eine Lebensverlängerung.

Es standen zwei Therapieprotokolle zur Wahl: Cisplatin und Doxorubicin im Wechsel, alle 3 Wochen oder Carboplatin und Doxorubicin im Wechsel, alle 3 Wochen. Cisplatin belastet die Niere mehr als Carboplatin, also haben wir uns für letzteres entschieden, obwohl es teurer war als Cisplatin. Für Ankas Gewicht kostete eine Anwendung damals knapp 1000 DM, Doxorubicin lag bei 460 DM. Wir bekamen unseren ersten Termin am 14.12.2000.

Vor der ersten Chemo wurde noch die Lunge geröntgt, um evtl. schon vorhandene Metastasen auszuschließen. Zusätzlich wurde noch ein Herzultraschall gemacht, um Komplikationen weitgehend zu vermeiden. Nachdem beide Untersuchungen positiv verlaufen waren, bekam Anka ihre erste Chemotherapie: zuerst wurde eine Braunüle gelegt. Hier ist Erfahrung und Geschick des behandelnden Arztes unabdingbar, weil eine Vene nicht zweimal gestochen werden darf. Durch die Verletzung könnte sonst evtl. das Medikament ins umliegende Gewebe austreten und dort massive, lokale Schädigungen verursachen. Hier wurde in München sehr gewissenhaft vorgegangen. Erst als sicher war, dass die Infusion einwandfrei läuft, wurde das Carboplatin zugemischt. Von da ab zählte auch die Zeit, das Medikament musste in einem ganz bestimmten Zeitfenster komplett verabreicht sein, um seine volle Wirkung entfalten zu können. Während der Infusion war eine Ärztin anwesend, die permanent die Vitalfunktionen kontrollierte, denn unter ungünstigen Umständen könnte sich evtl. ein allergischer Schock entwickeln. Aus diesem Grund sollten wir auch 30 Min. nach Ende der Infusion auf dem Klinikgelände verbringen.

Um eventuellen Nebenwirkungen vorzubeugen, bekamen wir MCP und Ulcogant mit auf den Weg. Diese beiden Medikamente sollte Anka bekommen, um evtl. Magenproblemen vorzubeugen.

Anka machte erst mal den Eindruck, als wäre gar nichts gewesen. In der Infusionsflasche hätte auch ein Vitamincocktail sein können…

Ihr Appetit war unbeeinträchtigt und Magenprobleme konnte ich beim besten Willen nicht erkennen. Am dritten Tag nach Verabreichung der Chemo bekam Anka dann Durchfall. Nicht schlimm, da hatten wir schon ganz anderes erlebt! Und dabei blieb es dann auch: ein dünnes Häufchen, danach war alles vorbei. Den massiven Abfall der Leukozyten im Blut konnten wir zwar durch Untersuchungen nachweisen, er blieb aber ohne Bedeutung. Und ebenso schnell, wie die Leukozytenwerte in den Keller gefallen waren, erholten sie sich auch wieder.

Nach 3 Wochen bekam Anka dann das Doxorubicin und vertrug es ebenso gut. Am 29. Januar erhielt sie nochmal Carboplatin, danach konnte die Chemotherapie nicht weitergeführt werden, weil keine Vene mehr zu finden war, die für die Verabreichung geeignet gewesen wäre. Ankas jahrelange Krankengeschichte hatte also Spuren hinterlassen, Spuren, die jetzt zum Verhängnis wurden.

Fünf Wochen später haben wir Anka über die Regenbogenbrücke begleitet. An der Amputationsstelle war ein massiver Tumor nachgewachsen, der innerhalb weniger Wochen die Größe einer halben Grapefruit erreichte. Dann erlitt sie einen Rückenmarksinfarkt, ihre hintere Körperhälfte war gelähmt. Sie konnte nicht mehr aufstehen, keinen Harn und keinen Kot mehr absetzen. Als klar wurde, dass sich dieser Zustand nicht mehr ändern würde, haben wir sie schweren Herzens gehen lassen…

Heute, mit 8 Jahren Abstand, weiß ich nicht, wie ich im Wiederholungsfall entscheiden würde. Lässt man den Hund zu früh gehen, wird man sich irgendwann Vorwürfe machen, nicht alles versucht zu haben. Reizt man alle medizinischen Möglichkeiten aus, dann wächst die Gefahr, den richtigen Zeitpunkt zu verpassen. Ich wollte meinem Hund die Chance geben zu kämpfen, solange er kämpfen will. Ich hätte es als unfair empfunden, ihr dies zu verwehren, nur weil ich nicht die Kraft habe, dies durchzustehen.

M.S. 18. April 2008








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